Der Jagdliche Weitschuss - schießen bis 300m

Vor einigen Wochen hatten wir einen interessanten Ausbildungsauftrag. Ein Kunde wollte gerne auf eine Jagd in einem weitläufigen Hochwildrevier vorbereitet werden. Die Anforderung war, einen präzisen Schuss auf mindestens 200 m abgeben zu können. Der Kunde hatte bereits ein Präzisionstraining absolviert, wollte nun aber einen Schritt weiter gehen und überprüfen, wie weit er persönlich schießen kann bzw. wo seine Grenzen liegen. Ausgehend von dieser Anfrage haben wir eine Ausbildung konzipiert und sie wie folgt beschrieben durchgeführt.

Das Schlimmste, was auf der Jagd passieren kann, ist die Verwundung des Wildes. Meist resultieren die Krankschüsse aus einer falsch eingeschossenen Waffe oder einer falsch eingeschätzten Entfernung zum Wild. Wie man die Entfernung richtig schätzt, haben wir bereits in einem Artikel auf dem Deutschen Jagdblog erklärt, ebenso sind wir der Frage nachgegangen, wie man seine Waffe richtig einschießt. Für weite Schüsse ist es jedoch sehr wichtig, zu wissen, wie sich die Geschossflugbahn bei der individuellen Waffen-Munitions-Kombination darstellt. Aus diesem Grund haben wir mit dem Kunden ein 300m-Training gemacht und die verschiedenen Ablagen erschossen. Die wichtigste Frage für den Kunden war:

Wie erstelle ich eine individuelle Schusstafel?

Die Grundvoraussetzung für das Erstellen einer Schusstafel über die Entfernung von 100 m hinaus ist, dass Sie sicher auf 100 m treffen; als Maß haben wir im letzten Blogbeitrag einen Streukreis von unter 2,9 cm auf 100 m definiert. Sollte diese Voraussetzung erfüllt sein, kann man dazu übergehen, eine Schusstafel bis ca. 300 m zu planen und zu erschießen.

Auf der Packungsbeilage Ihrer Munition sind meistens bereits die ballistischen Daten für die Munition enthalten. Diese sind oft sehr hilfreich, allerdings wissen Sie nicht, welche Waffe der Munitionshersteller für die Ermittlung der Daten benutzt hat und somit können Sie nicht sicher davon ausgehen, dass die Daten mit Ihrer Waffen-Munitions-Konfiguration übereinstimmen. Der einfachste Weg, um dieser Problematik zu entgehen, , ist es, die Daten selbst zu erschießen. Gehen Sie dabei folgendermaßen vor:

  1. Schießen Sie die Waffe 4 cm hoch auf 100 m ein.
  2. Nun erstellen Sie auf den Entfernungen 50 m, 75 m, 100 m, 125 m, 150 m, 175 m und evtl. 200 m je ein Schussbild auf je einem DIN A4-Blatt (als Hilfe können Sie sich einen Haltepunkt auf das A4-Blatt zeichnen) mit dem 100-Meter-Haltepunkt.
  3. Danach machen Sie eine graphische Auswertung für jede Schussgruppe, d.h. Sie ermitteln den mittleren Treffpunkt der Schussgruppe und ziehen mit einem Zirkel einen Kreis um die Schussgruppe und messen dann den Abstand zum 100-Meter-Haltepunkt.
  4. Im Anschluss beginnen Sie damit, die Daten auf einen Tapetenrücken zu übertragen. Hierzu zeichnen Sie ein X-Y-Koordinatensystem im Verhältnis eins zu fünf der Schussentfernung (geht auch kleiner) auf den Tapetenrücken. Die X-Achse entspricht Ihrer Visierlinie.
  5. Zeichnen Sie auf der Y-Achse Ihre Mündung ein, indem Sie Ihre Montagehöhe auf der Y-Achse nach unten abtragen. Zusätzlich tragen Sie auf der X-Achse die Entfernungen ein.
  6. Nun markieren Sie die Ablage auf den verschiedenen Entfernungen und kleben die beschossenen DIN A4-Blätter mit dem mittleren Treffpunkt auf die markierten Ablagen.
  7. Danach ziehen Sie eine Verbindungslinie zwischen dem mittleren Treffpunkten. So erhalten Sie graphisch Ihre individuelle Geschossflugbahn und die dazugehörigen Trefferbilder.

In Ermangelung eines Schießstandes konnten wir mit dem Kunden nur auf die Distanzen 100 m, 200 m, und 300 m schießen. Wir haben ein Ballistikprogramm benutzt, um die ballistische Kurve zu errechnen und die errechneten Daten auf dem Schießstand überprüft. Die Schießergebnisse haben wir mit den theoretischen Daten verglichen und eine grafische Auswertung gemacht.

Welche Schlüsse können nun aus der graphischen Auswertung gezogen werden?

Die graphische Auswertung Ihrer Schießergebnisse enthält die wichtigsten Erkenntnisse über Ihre Waffe und Ihre Schießfertigkeiten. Sie können erkennen, mit welcher Ablage die Waffe auf den verschiedenen Entfernungen trifft und daraus Ihre Point-blank-range ableiten. Zudem erfahren Sie mehr über Ihre Schiessfertigkeiten, indem Sie die Streukreise auf den unterschiedlichen Entfernungen nun auch visuell beurteilen können.

Der Kunde hatte folgende Waffenkonfiguration: Blaser R8, Lauflänge 59 cm, Laika Magnus 2,4-16X56MS, Plex-Absehen, Hausken 224 extrem Schalldämpfer und folgende Munition: RWS .308 Doppelkern 165 gr. Mit einer GEE von 160 m bei einer Lauflänge von 600 mm. Auf der nebenstehende Tabelle sehen Sie die theoretischen Ergebnisse der Treffpunktlage.Ballistische Kurve Blaser R8

Gehen wir von einer Trefferzone bei einem Reh von ca. 24 cm aus, so stellen sich die Ergebnisse der erstellten Schusstafel folgendermaßen dar. Auf der Entfernung zwischen 25 und 50 m schneidet das Projektil das erste Mal die Visierlinie von unten nach oben. Das heißt im schlimmsten Fall treffen wir auf der Entfernung von 25 m bis 50 m zwei Zentimeter neben den Punkt, auf den wir gezielt haben. Bei einer Entfernung von 75 m läge dieser am weitesten vom Zielpunkt entfernte Treffer bei 3,6 cm, bei 100 m wären es 4,3 cm. Hier fängt es langsam an, dass die Streuung an die Grenzen gerät. Wir haben die Waffe 4 cm hoch auf 100 m eingeschossen, dazu kommt noch die Schützenstreuung von 3,3 cm; das heißt im schlechtesten Fall liegt der Treffer 7,6 cm oberhalb des Punktes, den man anvisiert hat. Das Reh hat zwar ungefähr eine Trefferzone von 24 cm (12 cm oberhalb und 12 cm unterhalb der Visierlinie) aber mit der bereits sehr guten Streuung von 3,3 cm auf 100 m geht man in Richtung der oberen Toleranzgrenze.

Schießergebnisse auf 200mDie Schiessergebnisse auf 200 m geben noch mehr Auskunft. Bereits ab einer Entfernung von 200 m hat man die untere Toleranzgrenze für das Schießen auf ein Reh erreicht, darüber hinaus kann selbst ein guter Schütze mit dem durchgehenden Visierbild keinen waidgerechten Schuss mehr ansetzen. Um dies zu verdeutlichen, haben wir die nebenstehende Grafik erstellt. Aus dieser Grafik können Sie entnehmen, wie die Treffer auf den Entfernungen 100 m und 200 m bei einem durchgehenden Visierbild auf dem Wildkörper liegen. Auf 100 m würde man das Reh oberhalb der Blattlinie treffen, auf 200 m im schlechtesten Fall nahe am unteren Rand des Brustkorbs. Somit haben wir für den Kunden definiert, nicht über 200 m hinaus zu schießen. Dennoch haben wir die Treffpunktlage auf 300 m überprüft. Hier ergab sich eine Treffpunktlage von 48 cm tief und eine Schützenstreuung von 8,5 cm, was bestätigt, dass 300 m zu viel ist.

Neben der Darstellung Ihrer Geschossflugbahn können Sie der Schusstafel die Point-blank-range Ihrer Waffe entnehmen. Hierzu haben wir die obere Grenze zusätzlich parallel zur X-Achse als Tangente des Scheitelpunktes der Geschossflugbahn eingezeichnet. Die untere Grenze verläuft ebenfalls parallel zur X-Achse, diese haben wir als Tangente des Streukreises der gerade noch die jagdliche Toleranzgrenze einhält, eingezeichnet. Somit ergab sich eine Point-Blank-Range von knapp 200 m.

DJV-Bockscheibe mit Weitschussergebnissen

Fazit

Investieren Sie doch einfach mal in eine Schusstafel für Ihre Waffe. Die Erkenntnisse, die Sie aus dieser Schusstafel ziehen können, sind sehr wertvoll für Ihren jagdlichen Alltag und werden Ihnen vielleicht falsche Entscheidungen ersparen. Die bei dem Training entstandenen Videos durften wir auf Wunsch des Kunden leider nicht veröffentlichen, können dieses Vorgehen aber uneingeschränkt empfehlen. Es hilft ungemein, wenn Sie sich von Ihrem Trainingspartner oder einem Schießlehrer bei der Schussabgabe filmen lassen, denn hier entsteht oft das ein oder andere AHA-Erlebnis, welche Fehler man wirklich macht.

Die Rückmeldung unseres Kunden von der Jagd in dem Rotwildrevier war positiv. Er konnte den ersehnten Lebenshirsch auf 196 m strecken (s.a. Foto).

Lebenshirsch nach jagdlichem Weitschuss

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